GVH 1884 e.V.

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Das "Tausendjährige" Reich

Erstellt durch Norbert Schlagdenhauffen

In den 130 Jahren ist in der Vereinsgeschichte viel passiert.

Schöne Erfolge wurden von den Sängern gefeiert und Niederlagen gemeinsam betrauert. Es gab allerdings auch Existenz bedrohende Zeiten von Diktatur durch die Nationalsozialisten zu überstehen. Gerade wo, wieder aggressive Despoten und Diktaturen in der Welt machtvoll ihren Tribut fordern, erinnern sich auch in Hausen Menschen an Verfolgung, Verbot und Gleichschaltung durch Machthaber des „Tausendjährigen Reiches“. Der ehemalige Eintracht-Vorsitzende Norbert Schlagdenhauffen hat bei der Aufarbeitung der Vereinschronik vor fünf Jahren ein Stück Geschichte wieder entdeckt, die aufdecken, dass damals auch die Vereine mit ihren Strukturen und ihren Mitgliedern bedroht waren. Opfer waren damals neben der 1884 gegründeten Eintracht, die Sangesbrüder vom Gesangverein Germania 1898, dem Hausener Arbeitergesangverein.

Dass bei der Durchsicht der Eintracht-Chroniken aus dem Jahr 1934 das 50-jährige Bestehen mit keinem Wort erwähnt wurde, machte damals Schlagdenhauffen stutzig. Warum wurde es nicht erwähnt, fragte er sich, denn auch vom Chronisten Erwin Jammer zum 100. Geburtstag wurde es nicht erwähnt. Allerdings wurde im Jahr 1939 das 55. Stiftungsfest gefeiert. Er suchte weiter und er fand die Lösung für dieses „vergessene Jubiläum“. Bis Ende 1933 gab es zwei Gesangvereine in Hausen, die für die Sänger auch einen politischen Standort symbolisierten. Zum einen war das der politisch links stehende Arbeitergesangverein Germania mit dem Vereinslokal „Dörr“ (Wallbotts/Zum Adler) und auf der anderen politischen Seite, die der Zentrumspartei und in der Folge der NSDAP nahe stehende Eintracht mit dem Vereinslokal „Fink“ (Zur Jahneiche). Im Sommer 1933 nach der „Machtergreifung“ durch Hitler wurde durch die Nationalsozialisten der Zusammenschluss angeordnet. Angebliches Ziel: Ein besserer Klangkörper zur Stärkung des „Volkskörpers“. Viel mehr ging es um Zerschlagung der Arbeitervereine und absolute Kontrolle aller Vereine.

Doch es gab Widerstand aus den Reihen von Germania und Eintracht. Die „Partei“ machte Druck, weil gesetzte Fristen verstrichen. Am 27. Oktober 1933 fand die legendäre Sitzung zur Fusion statt, die Schlagdenhauffen in den Analen ordentlich gelocht und abgeheftet vorfand. Anwesend waren damals der Stützpunktleiter der NSDAP Euler und die Mitglieder der Vereine. Bürgermeister Göbel führte das Protokoll. „Ab 27. Oktober 1933 sind die in Hausen bestehenden Vereine verschmolzen“ wurde von Euler verkündet. Sechs Tage blieben noch um interne Angelegenheiten zu klären.

Einstimmig wurde der von der Partei vorgeschlagene Göbel als Vorsitzender gewählt, als Vertreter Karl Maid. Vorgesehen war laut Urkunde auch das die Nazis den Chorleiter bestimmen. Mit einem Hoch auf Deutschland, Führer und dreifaches „Sieg Heil!“ schloss die Sitzung mit dem Singen der ersten Strophe des Horst Wessel- und Deutschland-Liedes ist zu lesen.

Ergebnis der zwangsweisen Verschmelzung war der Boykott der Singstunden durch die Mitglieder. Wie im Vorfeld kam es im Dorf vermutlich zur weiteren Polarisierung. Interventionen durch die Parteiführung und Göbel wurden vom ehemaligen Germania-Vorsitzenden Ludwig Happel III, dem Großvater von Norbert Schlagdenhauffen, ignoriert. Aus dem neuen Gesangverein traten nach und nach Sänger und Vorstand, zumeist die Germanen aus. Dies führte dazu, dass keine Singstunden mehr abgehalten werden konnten, ist überliefert. Von der NSDAP-Kreisverwaltung gab es Rügen in Richtung Hausen. Göbel gab zu, dass die Sänger absichtlich fehlten. So kam es mit einem Schreiben vom 18. Mai 1934 zur „Rückerneuerung“ der Eintracht gerade sechs Monate nach der Gleichschaltung. Die Nazis traten den Rückzug an.

Die Germania existierte allerdings nicht mehr.

Zu Feiern am 50. Eintracht-Stiftungsfest war wohl keinem zu Mute und es wurde dann ausfallen lassen. Pfingsten 1939, kurz vor dem Beginn des 2. Weltkriegs, wurde dann das 55. Gründungsfest gefeiert. Wenige Monate danach gab es lange Jahre keine Probe mehr. Erst zwei Jahre nach dem Krieg, am 19. April 1947 wurde eine Neugründung des GV Eintracht Hausen vollzogen, ohne Zwang und aus der Hausener Dorfgemeinschaft heraus. 1949 gab es zur Eröffnung der Leichenhalle auf dem Friedhof einen ersten öffentlichen Auftritt. Von da an entwickelte sich die Eintracht prächtig. Für Kinder und Jugendliche wurde in den siebziger Jahren die „Eintracht-Spatzen“ gegründet. Walter Jung übernahm 1973 bis zu seinem Tod im Jahr 2011 den Männerchor. Es wurden unvergessene Chorreisen nach Ungarn, Russland, Kanada, den USA, Südafrika und Tschechien unternommen. Seit 2011 führt Matthias Ohnmacht den Verein und Jürgen Schöffmann ist Dirigent. Sie gründeten im letzten Jahr einen gemischten Projektchor. Damit öffnet sich die Eintracht den Frauenstimmen. Eintracht wird heute umso mehr gelebt. Wie damals gilt auch heute:

„Es bestätigte sich, dass Krisen die Menschen zusammen bringen.“

hat der Chronist schon früh notiert.